Die gute Nachricht gleich zu ersten, nein ich bin natürlich nicht gestorben und ich schreibe meine Artikel nicht aus einer Zwischenwelt, sondern die Fotografie reißt mich im Moment fast in zwei Teile. Es steht die Frage analog oder digital. Ich habe meinen Einstieg in die Fotografie mit einer Digitalkamera geschafft, dem Draufhalten und Bilder knippsen bis die Karte voll ist bin ich, denke ich, seit ca. einem Jahr entwachsen. Nun stehe ich ein wenig an einem kleine Scheideweg. Zum einen bieten natürlich moderne Kameras ohne Frage diverse Vorteile, neben direktem Feedback auf dem Display, schier unendlichen Möglichkeiten Fehler nachträglich im Computer zu bereinigen und nicht zuletzt auch der sehr kostengünstigen Möglichkeit Bilder zu produzieren und diese dann über diverse Kanäle anderen zugänglich zu machen auch ein gewisser Qualitätsstandard. Aber wie perfekt muss ein Bild technisch sein um gut zu sein. Wie viel Rauschen ist erträglich um ein Bild noch gut dastehen zu lassen? Wie perfekt muss ein Bild sein um gut zu sein? Wenn man diesen Prämissen folgt endet das wahrscheinlich irgendwann in einer Materialschlacht deren jähes Ende nur der Geldbeutel setzt, beziehungsweise das nötige Kleingeld das man bereit ist seinem ach so geliebten Hobby zu Opfern. Man kann Wochen, Monate oder Jahre damit verbringen Testbilder verschiedenster Kameramodelle mit einander zu vergleichen und die Bilder Pixel für Pixel zu analysieren aber eines hat man dann in dieser Zeit nicht gemacht, nämlich Fotos.

Wieviel Perfektion ist eigentlich gut fürs Bild?

In letzter Zeit finde ich das Rennen nach möglichst rauscharmen Bildern eher ermüdend und langweilig. Und das hat sich seit dem Kauf meines Eisenschweins (oder X700 wie sie Minolta einmal getauft hat) eigentlich nur weiter verstärkt. Klar, ich erwische mich immer wieder dabei dass die Wahl zwischen digitalen perfekten Bildern und technisch nicht ganz einwandfreien aber durch ihren analogen Charm sehr einzigartigen Ablichtungen, immer wieder zu Gunsten der digitalen Perfektion ausfällt. Aber ich haben mich in den letzten Woche und Monaten mit dem Thema Analogfotografie beschäftigt und habe nun nach einigem Überlegen einen Punkt gefunden der mich an meiner eigenen Herangehensweise stört. Dazu muss man an dieser Stelle sagen das ich eigentlich seit einer ganzen Weile nur noch manuell Belichte. Das heißt ich überlasse es der Kamera  nur noch mir ein groben Überblick über die vorherrschenden Lichtverhältnisse zu geben, was ich dann wie korrigiere ist komplett mein Bier. Wenn ich Blitze einsetzte sind diese auch so gut wie immer im manuellen Modus und ich weiss mittlerweile warum. Ich möchte die volle Kontrolle über den kompletten Prozess nicht aus der Hand geben. Das selbe habe ich nun im analogen Sektor. Im Moment sieht es so aus das ich einen Film voll mache ihn dann in die Hände meines Fotohändlers des Vertrauens gebe und die Filme dort entwickeln lasse. Das ist an sich nichts schlechtes aber ich bekomme die Bilder nicht so wieder wie ich sie gerne hätte. Selbst in einem so kleinen Fotolabor läuft die Arbeit mittlerweile komplett automatisiert ab, die Patronen kommen in einen Automaten, werden entwickelt, gescannt und ab dafür. Mir fehlt gänzlich die Kontrolle über meine Bilder. Nennt mich Kontrollfreak aber es wurmt mich von Abholung zu Abholung mehr das die Bilder eben nicht so aus dem Automaten kommen wie ich sie gerne hätte. Die Tonwerte werden beschnitten um die Bilder in handliche 6-Megapixel-JPG-Dateien zu pressen und der Automat kann nicht wissen in welchem Bild ich absichtlich eine Highkey oder Lowkeysituation gewählt habe um dem Bild mehr Schliff zu geben. Woher soll er das auch? Er gibt allen Bildern einen mittleren Tonwert mit, der den meisten Urlaubsknippsern wohl auch ausreichen wird die ihre Urlaubsbilder gerne auf Papier haben wollen, um ihre Bekannten und Verwandten mit endlosen Fotosessions zu quälen um Tante Erna vor dem Denkmal zu sehen, Tante Erna am Strand und Tante Erna wie sie leblos in der Minibar liegt und von Hotelangestellten wiederbelebt werden muss weil sie den örtlich anerkannten Fusel definitiv unterschätzt hat.

Eine Lösung aber gleichzeitig ein ganzer Sack voll neuer Probleme

Nun, die Lösung ist so einfach wie sie auch in sich komplex ist. Wenn ich durch die Gegend laufe dann suche ich mittlerweile ständig nach Motiven. wenn ich durch den Sucher schaue dann komponiere ich mein Bild, wenn ich meine Belichtung einstelle passiert das ganz bewusst. Warum also sollte ich in den letzten beiden Schritten die Kontrolle also so aus der Hand geben und die Entwicklung einer seelenlosen Maschine überlassen? Die Lösung lautet selbst entwickeln und und selbst das Material scannen. Beim Betrachten meiner Negative ist mir aufgefallen das zum einen der Bildausschnitt zum Teil arg beschnitten wird und eben das leidige Thema mit den Tonwerten. Also auf zu neuen fotografischen Horizonten und selbst ein wenig mit dem Chemiebaukasten spielen. Wenn ich dann einen Film versaue ist das am Ende gänzlich meine Schuld und ich kann nur mich selbst dafür verantwortlich machen. Ich habe mich in den letzten Wochen und Monaten ein wenig mit Entwicklung, diversen Formaten  und Kameratypen beschäftigt und habe das Gefühl ich habe noch nicht einmal Ansatzweise an der Oberfläche gekratzt.

Ich weiß jetzt so ungefähr in welche Richtung die Kamera gehen soll aber ich habe noch absolut keinen Schimmer welcher Film in Verbindung mit welchem Entwickler welches Ergebnis liefern wird oder sollte. Von Standentwicklung, Pushen und Crossentwicklung mal ganz abgesehen. Was ich mir anlesen konnte ist das man mittlerweile auch C-41 Filme selbst ohne größeren Aufwand entwickeln kann und ich somit schonmal nicht auf meinen geliebten Ilford XP2 Super verzichten muss. Aber andere Mütter haben auch schöne Töchter und ich werde wohl noch eine ganze Weile damit beschäftigt sein verschiedenste Kombinationen auszuprobieren. Von der ganzen Digitalisierungsproblematik will ich an der Stelle mal noch gar nicht reden aber ich stelle mir im Moment eine teildigitalisierte Verarbeitungskette vor bei der ich die Negative scanne und dann auf althergebrachte neuzeitliche Weise weiter bearbeiten kann.

Wenn alte Damen zum Tanze laden

Also wieder ein neues Kapitel und weitere Abenteuer warten auf mich. Soviel sei schon einmal verraten ich habe neulich einen Abend damit zugebracht eine Kamera zu identifizieren die eigentlich nur in unserem Wohnzimmer als Dekoration stand. Ich habe relativ schnell gemerkt das der Verschluss scheinbar noch mehr oder weniger zuverlässig arbeitet. die Blende scheint auch noch in Ordnung zu sein, das Problem dabei aber, womit füttert man eine so alte Dame? Nach einer längeren Recherche hatte sich Madame zu erkennen gegeben als “Ihagee Weltrekord Model B 102”, sie erblickte 1914 das Licht der Welt und belichtet auf ein Format von 9 x 12 cm (zählt sie damit eigentlich noch zum Mittel oder schon ins Großformat?). Nun habe ich mir als Ziel gesetzt mit der alten Dame zu ihrem 100-jährigen Jubiläum, in 3 Jahren, noch einmal Bilder zu schießen. Ob ich es schaffe bis dahin alle notwendigen und zur Zeit fehlenden Teile aufzutreiben und ob aus mir ein elitärer Panscher wird steht in den Sternen, ich werde aber mein Bestes geben und die geneigten Leser auf dem Laufenden halten.

2 Responses to “Zwischen zwei Welten”
  1. dogwatcher says:

    Wie wir schon gestern auf Twitter feststellten.. kurios, wie wir beide unabhängig voneinander auf das Thema “KONTROLLE” gekommen sind, oder?

    Wie man nun auch immer das Thema Kontrolle umsetzt (analog, analog-hybrid oder digital), ich kann mir nicht mehr vorstellen wie früher
    zu analogen Zeiten der Ausbelichtungsmaschine des Labors ausgeliefert zu sein, die aus dem Negativ mal dieses, mal jenes
    machte. Das war bzw. ist absolut katastrophal.

    Natürlich gibt es da auch heutzutage so einige Probleme beim Ausbelichten bzw. Drucken. Letztlich gibt man da ja
    auch einiges aus der Hand. Aber durch die Möglichkeit, bei “besseren” Dienstleistern Farbprofile für den SoftProof downzuloaden usw.
    ist da dann doch wesentlich mehr kontrolle (sofern ihre Prozesse konstant sind), aber selbst bei Discountern fand ich die Qualität heutzutage
    viel konstanter als damals zu analogen Zeiten.

    Wer sich heute darüber beschwert dass Anbieter XYZ beim Posterdruck zu Kampfpreis etwas von der anvisierten Vorstellung abweicht, hat nie den Müll gesehen, der früher schon bei jedem 9x13cm Abzug reihenweise aus dem Printer gelaufen ist. DAS waren Sachen.. die kann sich heute keiner mehr vorstellen.

    Es mag aber auch sein, dass ich damals vom “ausklingenden Analogzeitalter” versaut wurde.. Negativentwicklungen + Abzüge wurden ja zu
    immer aberwitzigeren Kampfpreisen angeboten. Die Qualität konnte ja da wohl nicht mehr gewährleistet sein.

  2. AGF81 says:

    Das ist doch mal was mit der B 102, auf jedenfall dranbleiben. Freue mich schon auf weitere Details und Fortschritte.
    Gruß Andi

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